Erstkontakt
Widerstand ist zwecklos
Ein Bericht von Jens Wiethaus über seine ersten Erfahrungen mit der AdventureBike Testmaschine.

Gerüchte gab es ja schon lange über ein „Wundermotorrad“ von KTM. Auf der letzten InterMOT sah ich dieses „Ding“ ... und ... und meine Begeisterung hielt sich sehr in Grenzen. Diese kantigen Tanks und dieser komische Scheinwerfer erinnerten mich eher an die Invasion von Außerirdischen, als an die österreichische Evolution der Reiseenduro.

Sonntag, 18. Mai war nun der Tag der Wahrheit!

Da stand sie vor mir, in einer orange metallic Lackierung. Mein erster unwillkürlicher Gedanke war, dass man Nachlackierungen immer sehen wird. Vielleicht war dies auch nur mein 2. Gedanke. Der erste könnte auch gewesen sein, hmm ... die Farbe sieht vielleicht doch gar nicht sooo schlecht aus.

Ich darf aufsitzen, der erste Eindruck ist verdammt hart, genauer gesagt bretthart. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen für meinen armen A... Allerwertesten. Der Erstkontakt fand in einer Kiesgrube statt – sicher ist sicher, schließlich bin ich in meiner 2. vollen Motorradsaison das, was man wohl allgemein ein Greenhorn nennt und dieses orange Ding soll in den Händen eines Anfängers ja durchaus zu einer Waffe werden können.

Also „safety first“ und ersten Gang rein, leicht Gasgeben, Kupplung kommen lassen und ... der Motor ist aus. Beim 2. Versuch erging es mir nicht besser. Aller gute Dinge sind bekanntlich drei, also wieder Gang rein und mit etwas mehr Gas kommen lassen und siehe da ... die LC8 gehorcht mir. Sie ist ein filigranes Gerät, welches viel sensibler bedient werden will, als meine gute alte AfricaTwin. Aber nun wieder zu meinen ersten Metern: der brettharte Eindruck relativierte sich sofort, denn den Schotter der Kiesgrube unter den Stollen merkte ich nicht, es war wie das Gleiten auf Asphalt. 1:0 für das Fahrwerk!

Die Handhabung ist leicht aber ungewohnt für mich. Während sich die AT mit dem Hintern leichter steuern lässt, ist das Bild völlig umgekehrt, wenn ich die Beine fest an den Tank drücke. Ein merkwürdiges Gefühl, aber mit Sicherheit nur Gewöhnungssache. Nach ein paar leichten Übungen, um die Maschine kennenzulernen, ging es auf die Landstraße. Wobei es mich beim ersten Ziehen an der Bremse fast geschmissen hätte. Die Bremsen braucht man nur scharf anschauen und schon stehen 198 Kilo (Leergewicht). Da merkt man sofort, dass die AfricaTwin nicht mehr den Stand der Technik repräsentiert – leider!

Die Federung und der Sitzkomfort sind erheblich besser als befürchtet. Ich saß noch nie so perfekt auf einem Serienmotorrad, egal ob AfricaTwin, oder BMW 1150GS. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit einer Größe von 1,96 Meter und einer Gewichtsklasse deutlich über 100 Kilo bisher immer Probleme hatte. Auch die von einigen im LC8-Forum bemängelte Sitzbank war wie für mich gemacht.

Langsam fingen meine Vorurteile an zu bröckeln ... mit ihren 98 PS hat sie in jeder Situation, in jedem Gang und bei jeder Umdrehung ausreichend Leistungsreserven. Was bei Überlandfahrten das Überholen zur reinsten Freude macht, bedarf in den Ortschaften einer gewissen Gewöhnung, denn man sollte nicht deutlich langsamer als 50 km/h fahren, um in den 2. Gang zu schalten.

Das Gas reagiert direkt, sportlich und leicht fordernd. Ein Gerät, dass Drehzahl will und dezent, aber deutlich klarmacht, dass es ein Sportler ist und untertouriges Fahren nicht wirklich mag. Was für mich im Stadtverkehr die größte Umstellung bedeutet, denn mit der AT ist das deutlich entspannter. Ich kann mir vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen sich ein Porsche wohler fühlt als mitten in der Rush Hour im Stop and Go Verkehr zu stehen. Der Vergleich ist gar nicht so schlecht, denn bei dem Wechseln von der Africa Twin zur 950 Adventure S ist es wie der Umstieg aus meinem geliebten Fernsehsessel in den Sitz eines Sportwagens. Dies wird noch zusätzlich durch die sportlich kernige Note des Auspuffs unterstrichen – wusste gar nicht, dass das legal ist und sogar serienmäßig angeboten wird ...

Jetzt zu dem Kapitel Komfort: ein Federweg vorne von 265 mm (AT: 220 mm) und hinten 260 mm (AT: 214 mm) sind wohl das Beste, was irgendein Hersteller ab Werk zu bieten hat. Auch lässt sich das ganze noch individuell abstimmen. Die Sitzbank ist für meine Größe und Gewicht hervorragend.

Obwohl es sich bei der 950 Adventure S um ein sportlich abgestimmtes Motorrad handelt, halten sich die Motorvibrationen in Grenzen. Sie sind zwar deutlicher spürbar als auf der AfricaTwin, jedoch geht der Drehzahlbereich der LC8 bis 9.500 U/Min. und der meiner AT lediglich bis 8.250 U/Min. Spannend finde ich das die Vibrationen und Geräuschentwicklung auf der KTM bei 140 km/h vergleichsweise gering sind. Der Grund: Im sechsten(!) Gang bei 5.000 Umdrehungen befindet sich die Mattighofnerin gerade mal im mittleren Bereich.

Ach ja die Scheibe. Bei der Honda eine Wissenschaft für sich. Nimmt man den TOURATECH Aufsatz, eine hohe Tourenscheibe, oder kürzt man die Standardscheibe, ...? Die Scheibe der LC8 paßte für mich auf Anhieb optimal und ich denke nicht, dass ich der „Standardfahrer“ bin, auf den bei der Entwicklung dieses Motorrades alles ausgerichtet wurde.

Der Tag begann mit großer Skepsis auf meiner Seite und endete mit einer neuen Liebe, lediglich getrübt von dem übergroßen Wehmutstropfen der € 12.500,- Anschaffungskosten. Wie kann KTM auch nur ein neues Motorrad auf den Markt bringen, ohne zeitgleich günstigere Gebrauchte anzubieten ??!!

PS: Hat jemand Interesse an einer ´98 Africa Twin?

Text: Jens Wiethaus ... der wirklich erst seit 2001 einen Führerschein hat und erst 7.500 km abgespult hat!
Fotos: © AdventureBike

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enduroabenteuer Ausgabe 4 - 2004
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