TWINDERO 18.7.2002
Die Verwirklichung eines Traumes (von Roger Ressel)
Im Frühjahr 1997 hatte ich eine 3 Jahre alte Africa Twin RD 07 mit echten 1.000 km! beim
Händler für DM 11.000 gekauft. Außer einer defekten Blackbox (entstand durch ein loses Polkabel an der Batterie!!) kannte ich keine Probleme und bin so mit der AT in 4 Jahren rund 50.000 km kreuz und quer durch Europa getourt. Sie hat mich
nie im Stich gelassen.
Aber, verwöhnt durch mein zweites Bike, eine CBR 1100 XX mit 164 PS, habe ich doch eines sehr vermisst – Power.
So beschloss ich im Winter `98/`99 meine AT zum PS-Doktor Christian Mende zu bringen. Nach über 30 Testversuchen auf dem
Leistungsprüfstand schaffte es Christian, die Motorleistung meiner AT von original 58,4 PS und 61 Nm auf 68,4 PS und 69,0 Nm zu erhöhen. Er verpflanzte die XLV Racing Nockenwellen in die Köpfe
meiner AT und verpasste ihr eine Edelstahlkrümmer-Anlage mit größerem Rohrdurchmesser und Termignoni-Endschalldämpfer. Der Luftfilterkasten wurde noch bearbeitet und die Bedüsung wurde
angepasst. Nun hatte ich 10 PS mehr und war um DM 3.000 ärmer.
Zunächst war ich mit der Leistungskur ja ganz zufrieden. Meine AT hatte ab 2.500 U/min bis ca. 6.500
U/min deutlich mehr Druck, die Höchstgeschwindigkeit blieb bei ca. 170 km/h und der Spritverbauch stieg um ca. einen ½ Liter.
Aber dann machte ich eines Tages einen großen Fehler: Obwohl leicht Nase rümpfend wegen dem
Aussehen, habe ich die neue Varadero an einem Wochenende intensiv Probe gefahren. Mein Fazit war sc
hnell gezogen: hässlich (die Verkleidung), viel zu weich (Opa`s Schaukelstuhl lässt grüßen) und dann dieses Gekratze der Fußrasten in den Kurven – beängstigend. Aber
der Motor – allererste Sahne, einfach ein Gedicht.
Von da an zerbrach ich mir den Kopf: Wie bekomme ich den Motor in meine Twin? Schnell wurde mir nach einigen Gesprächen mit
kompetenten Leuten klar – nie!!! Der Motor ist einfach zu groß für den AT-Rahmen. Auch das Kopfschütteln auf mein vorsichtiges Antasten bei Herrn Kobayashi, seines Zeichens Direktor Honda Europa und
Hornet-Fahrer, ob Honda in absehbarer Zeit die AT aufpeppen oder einen Nachfolger bringen würde, brachten mich nicht weiter.
Zwei Jahre habe ich gewartet, ob sich bei Honda was tut – nix war`s. Aber dafür habe ich eines Tages
einen sehr positiven Testbericht von einer “Marathon“ gelesen und wusste: Das ist es, was ich suche.
Im Spätherbst 2000 habe ich dann meine Ideen Stephan und Mike von der Firma AfricanQueens (AQ) in
Geisenhausen unterbreitet: eine Kombination aus Africa Twin und Varadero. Stephan Jaspers war begeistert von meiner Idee und Mike zog immer mehr den Kopf ein, als wir die Details besprachen. Er
wusste, dass da ein Haufen Arbeit und “Neuland“ auf ihn zukam.
Ein geeignetes Basisobjekt, eine Varadero, Bj. 04.2000, mit Frontschaden und 7.200 km auf der Uhr,
war mit viel Glück für DM 10.300 recht schnell gefunden. Gabel, Vorderrad, Verkleidung und eine Bremsscheibe (Teile, die wir eh` nicht brauchten) waren kaputt. Der Rahmen wurde vermessen, der
Motor mit Getriebe und die Schwinge wurden geprüft und alles war 100%ig in Ordnung. Nun konnte der Aufbau beginnen.
Das Mittelteil der AT 07A-Verkleidung wurde im Original, jedoch aus GFK, belassen. Aber schon bei den Seitenteilen mussten neue Formen gebaut werden, um einen Übergang zum breiteren Originaltank der Varadero zu
schaffen. Nun wurde ein neues “Hirschgeweih“, sprich Verkleidungs-halter, konstruiert, geformt und geschweißt. Zum Abschluss wurde eine “Five-Stars“-Tourenscheibe montiert.
Die “Marzocchi Magnum 50“-Gabel, deren Innenleben speziell auf die Varadero abgestimmt ist, wird von einer aus dem Vollen gefräßten Alu-Gabelbrücke, oben zweifach und unten dreifach verschraubt in die Zange
genommen. Kegelrollen-Lenkkopflager stellen die Verbindung zum Rahmen her.
Nach einigen Sitzproben mit verschiedenen Lenkern entschied ich mich für die Beibehaltung des originalen Lenkers der Varadero. Dieser wurde mit einer Alustrebe versteift und um 35 mm höhergelegt.
Aus Gewohnheit wollte ich natürlich auch nicht auf ein Paar Heizgriffe verzichten.
Das originale Kaugummi-Federbein wurde durch ein Öhlins Typ 4B – Federbein
ersetzt und die originalen Umlenkplatten wurden durch solche von der Firma AQ ausgetauscht.
Auch die Verbundbremsanlage der Varadero wurde komplett gegen eine neue AT
-Bremsanlage mit ummantelten Stahlflex-Bremsleitungen ausgetauscht. Neben der Gewichtsersparnis (ca. 6 kg) ist diese auch nun durch die Trennung der Bremswirkung auf Vorder- und Hinterrad besser für`s Gelände geeignet.
Nach fast zweimonatiger Wartezeit wurden endlich die schwarzen EXEL-Felgen vom Hersteller in Italien geliefert. Nun dauerte es nochmals einen Monat, bis die Räder (vorn 21 x 1,85,
hinten 17 x 4,25) mit Edelstahlspeichen und originalen AT-Radnaben eingespeicht und eingebaut werden konnten. Erstmals konnte das Motorrad wieder bewegt werden.
Die schwere Original-Auspuffanlage der Varadero wurde gegen eine filigranere und leichtere Edelstahlanlage mit zwei ovalen Endtöpfen von AQ ausgetauscht. Da diese
Anlage sehr schmal baut, gefiel mir die breite Heckverkleidung der Varadero überhaupt nicht mehr.
Also wurde wieder eine neue Form gebaut, um eine 5 cm schmalere Heckverkleidung zu fertigen. Mike brauchte alleine ganze drei Tage für’s Schleifen der Verkleidungsteile, um diese dann lackierfähig zu machen.
Erschwerend kam hinzu, dass die Heckverkleidung aus einem Guss gefertigt werden sollte, weil ich keine Stossnaht wollte. “Einmal und nie wieder“ war dann auch der abschließende Kommentar von Mike hierzu.
Nun wurde “nur“ noch die Sitzbank total abgeändert und mit echtem Leder
(zweifarbig) überzogen, sowie ein Carbon-Kotflügel vorne und ein Alu-Gepäckträger hinten dran geschraubt. Dann fiel mir ein, dass ich doch lieber die Neopren-Gabelschützer (auch “Thrombosestümpfe“ genannt) anstelle der
“Blasebälge“ haben wollte. Noch ein bisschen den Seiten- und den Hauptständer umgeschweißen und pulverbeschichtet, andere Blinker drangeschraubt und Halter für eine ordentliche, speziell angepasste
Abdeckung links und rechts der Original-Armaturen konstruiert – und schon war mein Traummotorrad fast fertig.
Aber ein markantes AT-Teil fehlte noch: der Alu-Motorschutz. Das Varadero
-Plastikteil war indiskutabel. Also bestellten wir erst einmal den
Aluschutz
der Firma Desert Storm. Darin hätten links und rechts glatt noch zwei Blumentöpfe Platz gefunden. Also, wieder runter mit dem Ding!!! Ein Original AT-Aluschutz wurde zerlegt, in die Grundplatte ein Keil und Leisten für die
Verschraubung eingeschweißt, insgesamt verbreitert und zum Schluss gebürstet. Jetzt musste für das Ganze noch ein Träger konstruiert werden, da der Varadero-Rahmen hat ja keine
Rahmenunterzüge und kein Zentralrohr hat. Nun war der Motor gut geschützt.
Nachdem hier und da noch ein bisschen geändert und angepasst wurde, konnten die Verkleidungs-teile
endlich zum Lackierer gebracht werden. Nun wäre es ja nicht mit einer 08/15-Lackierung getan. Also wurden erst einmal Schablonen für die
Schriftzüge und die Farbübergänge angefertigt. Dann wurden die Teile lackiert und geschliffen, wieder lackiert und geschliffen, wieder........na ja, diese Prozedur wiederholte sich insgesamt sieben Mal, dann war der
Lackierer endlich mit sich und seiner Arbeit zufrieden – und ich auch.
Nachdem alles wieder zusammengeschraubt wurde, war mein Ziel erreicht: Ein Motorrad, das auf dem ersten Blick aussieht wie meine heißgeliebte
Africa Twin aber mit der Kraft der zwei Herzen – äh, na ja, halt mit ordentlicher Leistung. Kurzum - a star was born – meine TWINDERO.
Anmerkung:
Ursprünglich plante ich für den Umbau DM 26-28.000 ein. Dass mein
Traummotorrad am Ende rund DM 35.000 kostete (incl. DM 1.250 TÜV-Gebühren für die Einzelabnahme) liegt daran, dass sich meine Wünsche während der siebenmonatigen Umbauphase von Detail zu Detail änderten. In vielen einzelnen Details
(Gabel, Felgen, Bremsanlage, Federbein, Auspuffanlage etc.) wäre es auch kostengünstiger gegangen.
Aber durch die Summe all’ dieser Umbaumaßnahmen wiegt die TWINDERO mit 25 Litern Sprit an Bord
nur noch 245 kg (Varadero ca. 264 kg). Somit ist für mich das ideale Reisemotorrad.
Da auch bei mir kein Dukatenesel in der Ecke steht, haben meine Affen Twin und meine Doppel-X jetzt neue Besitzer.
Aber ich bereue meine Entscheidung nicht. Jeder der 11.000 km auf meiner TWINDERO, ob in den Dolomiten, den Vogesen oder auf der Insel Elba, hat mir sehr viel Spaß bereitet. Auch bei
gelegentlichen Off-Road – Einsätzen machte sie eine gute Figur.
Autor: Roger Ressel
Bezugsquelle:
AfricanQueens
Holledaustr. 9A
D-85301 Geisenhausen
Tel.: 08441-18442
Fax.: 08441-18402
Mobil: 0172-9622737
E-Mail: info@africanqueens.de
Internet: www.AfricanQueens.de
GPS: N48°33209 E011°35666
Nachtrag I:
Meine TWINDERO wurde zwischenzeitlich in zwei MRD-Zeitschriften getestet:
MotorradABENTEUER, Ausgabe Dez. 2001
EnduroSzene Online, Ausgabe Juni 2002
Nachtrag II:
Der Farbton “BLAU“ wurde geändert und ist nun “Dunkelblau-Perleffect“ lackiert.
Der Alu-Gepäckträger wurde zwischenzeitlich so geändert, dass die Halteplatte für das GIVI-Topcase (53 Liter) um 6 cm in der Längsachse verschoben werden kann. Dadurch verlagert sich das Gewicht
genau über die Hinterradachse und begünstigt bei Beladung somit das Fahrverhalten der Maschine.
Die Blinker wurden durch kleinere Exemplare mit gelbem Klarglas und E-Prüfzeichen ausgetauscht.
Die Fußrasten wurden durch gezackte Rasten der Fa. Touratech ersetzt.
Die Frontscheibe wurde gegen eine kleinere, originale Africa Twin – Scheibe ausgetauscht.

© AdventureBike - selectCOM - E.S. - 2001 - 2004


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