Warum Rallyefahren?
Christian Wölfl & Flat - RoE 01

Foto: FlatC
Ein Beitrag von Christian Wölfl
Schwierige Frage ... Viele Gründe ... Mal ein Beispiel:
Du stehst an Start der Wertungsprüfung, aufgereiht mit den anderen Piloten, wartest bist du an die
Reihe kommst. Du bist entspannt und ruhig. OK, bei den ersten paar malen warst du schon aufgeregt, aber das legt sich mit der Zeit. Du
unterhältst dich mit deinen Kollegen, prüfst noch mal, ob alles passt mit Roadbook und Tripmaster. Dann bist du dran. Stehst als erstes in der Reihe. "30
Sekunden". Du atmest noch mal tief durch, setzt die Crossbrille auf. "10 Sekunden". Du legst den 2.Gang ein, ziehst die Handbremse, lässt die Kupplung vorsichtig kommen,
checkst dass der Gang wirklich drin ist, hebst die Motordrehzahl mit dem Gasgriff leicht an. Dann ist die Hand des Starters direkt vor dir, die Finger zählen ab. 5. 4. 3. 2.1. Los. Gas.
Eric Verhoef - Dakar 2003
Foto: J.Cunha
Von diesem Augenblick an ist alles anders. Nichts ist mehr wie sonst. Es gibt nur noch das Rennen. Die Strecke. Das Motorrad. Das Roadbook. Den Tripmaster. Die Konzentration ist auf 100 %. Sämtliche Teile deines Gehirns, die das können, schütten Adrenalin und Endorphin aus. Jeder Gedanke den du als solchen wahrnimmst, jede Entscheidung die du triffst dreht sich um das Rennen. Die Welt wie du sie kennst hat aufgehört zu existieren, ist geschrumpft auf dein Blickfeld, auf den Bereich direkt vor deinem Vorderrad.
Das alles bleibt so, über Stunden und hunderte Kilometer, bis zum Ziel der Wertungsprüfung. Und ist wieder so am nächsten Tag, bei der nächsten Wertungsprüfung. Bis zum Zieleinlauf der letzten Etappe.
Nani Roma arbeitet an seinem Roadbook
Dakar 2003 Foto: J.Cunha
Abends im Camp geht es weiter. Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Motorrad warten. Motorrad reparieren. Roadbook für den nächsten Tag vorbereiten. Essen. Briefing. Zelt aufstellen. Mit deinen Kollegen bei einem Bier über den Tag sprechen, du hast nur Leute um dich die den ganzen Tag das gleiche gemacht haben wie du. Und endlich schlafen, meistens viel zu wenig...
Und noch eine paar Eindrücke:
Giovanni Sala - Etappe 8 - Dakar 03
Foto: Gauloises Racing
Rallyefahren ist wie Zen, totale Konzentration auf eine Sache, Eins-werden damit. Du kannst mit über 150 km/h über eine Piste brettern, und hast trotzdem des Gefühl, das du jeden Stein über den du gefahren bist mit seinem Vornamen kennst.
Rallyefahren ist immer neu. Jede Situation auf der Strecke ist immer neu. Keine Runden oder Wiederholungen, wo du dich an die beste Linie herantasten kannst. Es gibt immer nur einen, den ersten Versuch.
Text: Christian Wölfl
Fotos: KTM - J.Cunha; Gauloises Racing, FlatC

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