PucherProlog
Den Prolog zum Erzberg-Rodeo 2004 aus Sicht von Albert Pucher miterleben!

Foto: www.erzberg.at

Mittlerweile weiss jeder, dass ein Gipfelsieg beim Hare Scramble NUR über Spitzen- Platzierungen beim Prolog erreicht werden kann. Immer mehr Topfahrer aus der ganzen Welt nehmen teil, und immer schwieriger wird es daher, in die ersten drei Startreihen zu kommen.

An sich ist der Prolog wegen seiner vorwiegend (...kicher!) flachen Streckenführung für jeden bezwingbar. Aber wer ganz vorne sein will, muss mehrfach den inneren Schweinehund überwinden, um das Gas stehen zu lassen.

Am Freitag war das Wetter noch sonnig und trocken gewesen. Da wurden ganze Staublawinen aufgewirbelt: Zeitweise Null- Sicht wie bei der DAKAR- Wüstenrallye. Wer sein Risiko nicht ins Unermessliche treiben wollte, war gezwungen den Gashahn zuzudrehen.

Daher haben viele auf den zweiten Tag gehofft, dass der angekündigte Regen stark genug sein möge um den Staub zu binden. Und dass er leicht genug sein möge, damit die Strecke nicht zur Schlammkuhle wird.

Foto: www.erzberg.at

Leider war Letzteres der Fall.

Der folgende Bericht zeigt auf, wie dramatisch es werden kann. Wenn das Wetter verrückt spielt und zusätzliche Gefahren für Mann/Frau und Maschine bereithält.

Kein Würschtelbeissen

Sondern:  Blut und Tränen

„Albert, komm schnell, es tut höllisch weh und blutet stark!“ Keine andere Meldung kann den Puls eines liebenden Ehemanns so vehement von 70 auf 280 treiben! Gerade wollte ich Cyril Despres, den Topfahrer aus dem KTM –Team fragen, was er von der Auto-Kupplung hält, die er eben probegefahren hatte. Und jetzt dieser Notruf! Plötzlich ist Cyril ganz weit weg, die Gedanken bei meinem Schatz.

Ja, das Erzbergrennen ist gefährlicher als der Toy-Run, keine Frage. Aber da es nun meine liebe Andrea erwischt hat, gibt dem Drama eine ganz andere Dimension. Warum habe ich sie bloss überredet, bei dieser Blut-und-Tränen-Schlammschlacht mitzumachen? Warum habe ich ihr nicht gesagt: „Lass es bleiben heute. Gestern bist eh so super gefahren. Du bist sechste von 23, und dritte Österreicherin. Was willst mehr? Heute ist es nass, kalt, ekelhaft rutschig und sehen kannst aaa nix, weil der Dreck beim Überholen tief fliegt“.

Foto: www.erzberg.at

Leider hab ich stattdessen gesagt: „Super, heut staubt es nicht! Auf geht’s!“

.......Gulp!..........

Ein dicker Kloss sitzt im Hals als ich zur Rotkreuz- Station sprinte. Dabei gehen mir fieberhaft alle Szenarien durch den Kopf, wie es passiert sein könne: Die Startkurven sind ihr super gelungen, habe ich selbst gesehen. Dann bin ich zum Yamaha und KTM um die Allrad- Maschinen zu begutachten, denn ich hatte so ein zuversichtliches Gefühl, dass sie alle Gefahren perfekt meistert und heil ankommt.

Was könnte ihr also zum Verhängnis geworden sein? Das kaputte Pleuellager? Motor blockiert , in Kurve über die Kante in die Tiefe geschleudert? Eher nicht, dann hätte mich wohl jemand anderer anrufen müssen.

Gefährlich sind ansonsten eigentlich nur die Schikanen, wo man aus vollem Hadern heraus Anker wirft: Und –beim heiligen Bremsbelag- heute morgen, wie es mich in die Schikane am Fahrerlager von 150 auf 40 in den Wall der Rechtskurve gebeutelt hat: Da presst es Dir alle Luft aus den Lungen!

Oder –würg- vielleicht hat sie meine Regieanweisung zu wörtlich genommen, dass die Schikane vor dem Fahrerlager begradigt wurde, und sie deshalb ZU lange am Vollgas gehängt ist? Hätte ich ihr den Vergaserschieber- Anschlag lieber doch nicht öffnen sollen? Immerhin hat sie sich schon mal hintenüber überschlagen, weil sie sich im falschen Moment im falschen Winkel am Gasgriff festhalten wollte...
In solchen Dingen ist die 520 gnadenlos!

Foto: www.erzberg.at

Oder die Spitzkehre an der Felswand? Dort wo die Beschleunigungs- Wanne in ein Schlammbad mündet bevor noch die Kurve aus ist? Da hat es mich heute Morgen fürchterlich gezaubert. Schlick pur! Beide Räder gleichzeitig weggerutscht, per schlitterndem Standbein in eine Gatschfontäne gerade noch gerettet.

Ein paar Zentimeter mehr und es hätte mich ins angrenzende Bachbett und gegen die massive Wand „gewandelt“. Scheisse! Davon habe ich ihr nichts gesagt! Hätte ich sie nur rechtzeitig gewarnt! Was bist Du für ein lausiger Betreuer!

Da sehe ich, dass die Tür vom Wohnmobil offen steht. Ihre Maschine davor.

„Andrea?, Bist Du da?“
„Ja, so komm doch, im Bad sind die Pflaster“
„Waas, ich dachte.....“
„Jetzt stell Dich nicht so an, hast noch nie Blut gesehen? Das depperte Küchenmesser ist mir beim Zwiebelschneiden ausgerutscht! Irgendwie hat mich die Glüherei a bissl zittrig gemacht!“

Puls von 280 auf 90. In Sekunden.

Cool wird verarztet.

Plötzlich in sehr scharfem Ton: „A L B E R T ?!“
„Was ist, -gulp- ....Schatz?“ (Puls 120)
„Hast Du nicht vergessen mir etwas wichtiges über die Strecke zu sagen?“
„Was –würg- denn?“ (Puls 190)

„Mein Lieber Supertrainer: Du hättest mich ruhig vor dem blöden Schlammloch an der Spitzkehre warnen können. Fast hat es mich in die Wand geprackt!“

Text: Albert Pucher
Fotos: www.erzberg.at

Erzberg 04 Übersicht:

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enduroabenteuer Ausgabe 4 - 2004
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