Wer als Erster zum Steilhang kommt, entgeht mit hoher Sicherheit dem Chaos an der Rampe: Sogar den späteren Sieger Cyril Despres hat es hier aufgesternt und 30 Plätze zurückgeworfen! Kleiner Schönheitsfehler: Für 2003 ist die erste Startreihe vorgesehen, statt wie hier die No. 8!
Foto: Albert Pucher

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rzBerg 2002
Ein Bericht von Albert Pucher

Was kann ein Midlife Crisis Geschädigter tun, um sich zu beweisen, daß er noch Tinte auf dem Füller hat? Er folgt dem Ruf des Eisernen Berges. Und Gibt Vollgas, bis der blanke Fels dem Gipfelsturm Einhalt gebietet.

Ein Tosen, ein Donnern wie 1000 Gewitter! Puls 250, Schweißausbruch! Das RedBull Hare Scramble bricht los: Die ersten 50 Biker der 10 Startreihen würgen ihren Gasgriff im absoluten Blutrausch. Alles verschwindet in einer Staubwolke, aus der nur gelegentlich herrenlose Bikes aufsteigen und sofort wieder verschluckt werden. Oh mein Gott, auf was hast Du Dich da eingelassen? Er hat recht! Aus gutem Grund hat mich der Vorbesitzer meiner 200erter EXC gewarnt: "Die fahren ja übereindander drüber, ich fahr lieber in die Toskana und besauf mich!"

Albert glüht an den Kraxlern und eingebaggerten Typen vorbei, dem Gipfel entgegen: (Fast) tägliches Training über 3 Monate hat sich voll ausgezahlt!
Foto: Albert Pucher

Welle um Welle, Orkan um Orkan bricht los. Plötzlicher Harndrang! Zu spät! Als die Reihe 7 meine Beine sandstrahlt, weiß ich: In drei Minuten bist Du dran, kein Zurück mehr möglich! Wie ein Film läuft der Weg hierher ab: Mit 20 Jahren ein paar Kleinslaloms gefahren, dann 2 Kinder, Motorradl gegen VW Bus getauscht, Karriere gemacht: Verwöhnt, versnobt, verweichlicht: "Erst geh ich golfen, und dann zum Friseur". Praktisch der Verwesung nahe, der Urknall: Einen REITWAGEN gekauft und spontan Endurobikes gemietet auf Teneriffa im Dezember 2001: Nach 26 Jahren Motorrad- Abstinenz sofortige Anmeldung zum Erzberg. Und das, noch bevor klar war, wo und wie ich ein Bike auftreiben könnte! Die 200ertrer im März beim Schruf gekrallt, drei Monate einsames Training in diversen Schottergruben.

Jetzt sitze ich mit vollen Hosen auf dem Moped, Karl Katoch hebt die Startflagge... und plötzlich bin ich alleine im Tiefflug am Startplatz - niemand zu sehen in den Augenwinkeln! Der Trick: Mit eingelegter 2ter angekickt! Daher leider auch keiner da der mir sagt, wo's langgeht. Da! Der erste Steilhang, wo alle gekugelt sind: Uups, zu schnell! Fast an den Felsen geknallt, zwei an mir links vorbei. Egal, ab dem Mittelfeld gehts eh nur ums nackte Überleben. Mein Ziel: Alle Steilhänge, die man aus dem Video kennt bezwingen, und mit eigener Kraft wieder die 150 km nach Hause brausen.

Schlüsselstelle Schrägaufzug: Wer hat den Mut, am schmalen Grat Vollgas zu geben und zu springen? Wer da hängenbleibt, kann sich böse wehtun (höchste Verletzzungsrate des Rennens). Wer es dort drüber geschafft hat, kann das Ziel schon riechen!
Foto: ORF1

Weiter, Weiter! Na, das bissl im Gatsch herumgurken, ein Klacks. Nur nicht blind durchs Wasser! Da bist Du gleich als U-Boot meier. Kennt man ja aus dem Video. Schluck! Schon am Anfang Steilhänge mit
blankem Fels! Sowas kommt in Schottergruben nicht vor, das hatte ich nicht bestellt: Scharfkantige Stolperstufen wo's am Steilsten ist! Klarer Fall: Wäre eine Besichtigung erlaubt, würde die Hälfte nicht starten.

Aber was hilfts? Oben am Fahrerlager- Steilhang warten Frau und Söhne samt Freundinnen, Schwägerin
plus ein Haufen Geschäftsfreunde. Alle sind sie gekommen um den Albert purzeln zu sehen. Also Vollgas, Zweite, Dritte, dann fällt man praktisch nach oben: Endlich die grossen Hänge vor mir: Zwar doppelt so hoch wie alles was ich bisher fuhr. Aber trotzdem hat alles so super easy im Training ausgesehen: Viel Platz zum Beschleunigen, sanfte Rampen vom Bagger vorbereitet: Die Jungs sind praktisch hochgeschwebt, also: So wie die getan haben, war das Easy!

Aber wie sieht das nach 300 Bikern aus? Ein Trümmerfeld aus jungen Felsen! Schon die Anfahrt eine Mondlandschaft, im Hang hunderte Krater von bis zur Nabe eingebaggerten möchtegern- Kinis: Ein Gehopse und Geeiere, die Dritte dreht nicht hoch, und mit 10 statt mit 45 PS ist die Sache gelaufen: Bauchfleck 5 Meter unter der Kante. Jetzt Plan B: Das mitgebrachte Kletterseil mit Schwung nach oben, schließlich habe ich ja genug Leute da, die ich genau hier hinkommandiert habe.....leider haben die links mit rechts verwechselt, und ich liege alleine im Dreck.

Benzingeruch! Panik! Der kostbare Saft geht flöten, aber da hat sich einer mein Seil gekrallt und wie von Geisterhand gehts aufwärts. Oben Puls 300, Japsen nach Luft! Die Frage nach dem Sinn des Ganzen brennt in meinem Oberstübchen: Wenn ums selbe Geld ein Wellness- Wochendende inclusive Fango und Golfen zu haben wäre! Was solls, der Motor geht an und haucht neue Lebensgeister ein. Runter die Schotterrampe: Zweimal noch den Mörderhang vor allen Leuten.

Denkste! Jetzt kugeln praktisch ständig fünf bis zehn verwirrte Benzinjunkies im Hang herum, und das Warten zerrt an den Nerven. Da schmeißt sie

KTM 200 mit Windschild, um die fehlenden PS auszugleichen. Hatte leider außer der ausgefallenen Optik kaum Auswirkungen auf die Platzierung.
Foto: Albert Pucher

einer weg, drängt sich vor, startet mit viel zu kurzem Anlauf und schlägt einen Krater in die letzte freie Spur. So ein ...grfzk!...! Jetzt endlich! Griffige, freie Startstrecke vor mir: Start mit Zweiter, die Dritte kommt, dreht voll, und wir fliegen hinauf, berühren praktisch nur die Spitzen der Geröllsteine. Uups, wieder ein ungewollter Sprung in den Gegenhang, muß reversieren. Da! Ein Gejohle! Meine Leute! Am falschen Ende der Bahn. Was solls. Endlich meine Chance den Helden rauszuhängen: Leute, der alte Sack hats noch voll drauf!

Einmal muß ich noch rauf, klappt mit den letzten Zuckungen der Dritten: Zurückschalten wäre eine gute Idee gewesen. Aber wer hat schon einen Fuß zum Schalten frei, wenn im Felsengewühl grad der Teufel mit Dir Granada tanzt?

Da! Ein Wahnsinniger! Lebensmüde? Oder will er die Hubraumklasse wechseln? Der schmeißt sein Bike einfach den Abhang hinunter! Und springt hinterher! Und zehn andere auch gleich! Dabei gehts ja bloß zwei Meter senkrecht runter, der Rest ist zum derpacken.... denkste: Ein Blick über die Kante läßt das Blut gefrieren: Scheisse, da sind ja plötzlich urtiefe Wandln drinnen! Überhängend! Mörder! Jetzt weiß ich, warum die gesprungen sind... Egal, es gibt kein Zurück also Augen zu und runter, ja nicht zuviel bremsen, unten ist genügend Auslauf.

Ein Keil aus Eisen und Blut!
Metall an Metall. Motoren dröhnen, Räder mahlen. Aber die Fuhre steht.

Jetzt Richtung Wasserrohr -Steilhang: Ein paar Übungs- Hangerln, die mit der Zweiten gehen, und da throhnt er plötzlich über mir: Gross und mächtig, Schicksals- trächtig, Motto: "auffi muaß I !" Ewig lange, mindestens das Doppelte der Mörderhänge am Fahrerlager. Und weil fast jeder eine Pirhouette im Hang dreht und urlang braucht bis er seine Klamotten wieder von der Bahn hat, stehen da 150 Bikes und warten.

Reingeschweisst, mitgedrängelt: Ein Keil aus Eisen und Blut! Metall an Metall. Alle wollen als Nächster drankommen. Motoren dröhnen, Räder mahlen. Aber die Fuhre steht. Den Stiefel zum Ankicken freibekommen? Ein Kampf mit dem Nachbar! Motor laufenlassen? Lieber nicht. Es gibt keíne Tankstelle und die Husky nebenan kocht schon. Meine Stimmung auch: So lange und so hart warten dafür, daß ich meine KTM hinterher mit Beserl und Schauferl einsammeln darf?

Moto Cross Wandeln, knietief, mit eingestreuten Findlingen.
Gulp! Aber 200 drücken hinter mir an, also Hirn ausschalten und Gas!

Jürgens Kühler machte sich selbständig. die Reparatur kostet ihm den Stockerlplatz: 4 Rang! Sein Staetement zum Interview: "Jeder, der es bis ins Ziel schafft, ist ein Sieger"
Foto: ORF1

Eine halbe Stunde später: Endlich durchgeboxt, der Blick auf die Startbahn wird frei: Jessas! Moto Cross Wandeln, knietief, mit eingestreuten Findlingen. Gulp! Aber 200 drücken hinter mir an, also Hirn ausschalten und Gas! Zweite, Dritte: Ja, sie dreht, nur nicht so richtig! Ein Königreich für eine 500erter! Zwei Königreiche für unbegrenzt Saft und Kraft! Möööö! Erinnerungen an die Tage mit meiner 15 PS Gurke werden wach. Wie konnte ich nur so blöd sein und mir eine 200erter einbilden? Wegen der 10 Kilo weniger! Aber auf die Sch...au ich jetzt, denn die Dritte (12/38 sekundär) geht schon wieder Meier, einfach Saft- und Kraftlos, dabei wäre Grip genügend vorhanden! Also runter und nochmal anstellen.

Diesmal neue Strategie: Zurückschalten! Klappt, und in eine Staubwolke gehüllt, eiert Albert in Schleichfahrt über die Kante: Ein Urschrei schafft Erleichterung: "Jaaa, Jaaa, liebe Stänkerer und Nörgler, Ihr Ungläubigen und Spötter: Geschafft! Jeder weiterer Meter ist für meinen persönlichen Spaß!"

Ein Red Bull gibt's als Belohnung!

Weiter in den Wald. Trial pur. Reine Zeitvernichtung. Wo sind meine Lenkerbügel geblieben? Am Baumstamm! Jetzt ist alles so ruhig! Kaum Leute unterwegs, die zerschellen derweil am Wasserrohr. Da! Der Tunnel! Licht einschalten, Kopf einziehen, dann die Steilabfahrt in den See: Nicht lustig, da schöpft grad einer seinen Vergaser aus! Schaffe es knapp, am Ufer zu bleiben, düse vor zum ultimativ steilsten Steilhang. Schon von Weitem sehe ich die Unglücklichen, die haltlos und immer schneller werdend Hals über Bike hinunterkugeln: Fast senkrecht, steiler wäre überhängend!

Das Problem: Die Anlaufspur besteht aus Kamelbuckeln, wer schnell sein will, muß springen! Wer springt könnte ver -springen und den netten Baum küssen, der knapp neben der Spur steht. Eine Zeitlang schaue ich mir das Gekugle an, hole mit der Zweiten in der Kurve Schwung, lasse die Dritte voll kommen, Luftfahrt vor dem Hang, aber genügend Speed um hochzufallen. Fast ganz hoch! Denn oben pfeift die Dritte auf dem letzten Loch, ein Königreich für eine Automatik! Da muß gnadenlos die Kupplung herhalten, und ich bin oben!

Das was folgt, sind Irrfahrten und haarstäubende Passagen im Wald, reif für ein Horrorkabinett, ein Albtraum: Millimeter breite Saumpfade, links gehts

Nach dem Start- Problem alle überholt und gebügelt: Voriges Jahr 2. Platz, diesmal der Überlegene Sieg mit 1h15 Minuten (für 27 km Fels und Geröll). 15 Minuten Vorsprung vor dem 3 fachen Erzberg- Sieger, Trial- und Stuntfahrer Christian Pfeiffer aus Deutschland.
Foto: ORF1

ultrasteil hinunter, mit senkrechtem Abbruch dahinter, rechts Bäume die den Weg versperren: Würg! Muß den Baum umarmen, vorbeihanteln, wünsche mir den Siemens- Luftdübel, niemand der einem hilft: Wer da ungewollt abbiegt liefert einen erstklassigen Ötzi für die Nachwelt der kommenden Jahrtausende. Zum Glück ist es trocken. Das wäre Mörder bei Nässe!

Ich liege unter dem Bike und rutsche auf einen Abbruch zu. Keine Ahnung wie das passiert ist. Sehe zu, wie sich teures Plastik zu Recyclingmaterial verwandelt. Mein Bein bekommt Spezialmassage zwischen Bike, Felsen und Wurzelwerk! Stechender Schmerz: Bandl gerissen? Sch...., kein Willi Dungl mehr da, der das reparieren könnte.

Ober mir ein Typ in derselben Situation. Rutschpartie im Duett. Komme verkehrt zur Fahrtrichtung zu liegen. Wieder gluckert das Benzin, und in der Lacke unter dem Bike wird ein bissl Motoröl auch mit dabeisein. Hochgewuchtet! 20 Meter rückwärts schieben am Saumpfad über dem Abgrund: Auweia!, jetzt ist das Vorderrad über die Kante gerutscht, halte die Fuhre mit letzter Kraft. Jetzt geht's nicht mehr vor und nicht zurück. Langsam schwindet das Schmalz im Ärmel!

Stoßgebet! ... Der Streckenposten unter mir guckt interessiert, die Schleif- und Kratzspuren am Abbruch sprechen eine beredte Sprache: Hat schon jede Menge Spaß gehabt, der Junge! "Du schaffst es!" Brüllt gerade meine Stimme aus dem MP3 Player: Mit einem verzweifelten Ruck bin ich wieder oben, schaffe noch 5 Meter wo es nicht mehr ganz so hoch ist: Absprung! Unten gelandet, mit dreifachen Reitwagen- Rittberger, 15 Minuten Zwangspause, bis wieder genug Saft im Bein und Benzin im Vergaser ist, um das Ding anzukicken. Zweiklassen- Gesellschaft, nächstes Jahr habe ich einen Startknopf!

Dann wieder Steilhänge! Kaum mehr Schotter, immer mehr Fels! Immer schmalere Passagen, immer weniger Leute die helfen könnten. Der Typ neben mir sagt: "Mir reichts gleich ist es vier, DA fahr ich nicht
mehr hoch". Gebe ihm innerlich recht. Irgendwas in mir zwingt mich aber, angesichts der blanken Felswand anzugasen. Masochismus? Es ist die Hoffnung, daß ja irgendwo über uns ein weiterer Checkpoint sein MUß! Pauz! Sanft gelandet im Geröllfeld über dem Felsen der Schlüsselstelle. Aber noch nicht oben. Umdrehen? Unmöglich. Über den Felsen runterfallen? Selbstmord! Letzte Hilfe Stoßgebet. Ein Seil schwebt herab, wie direkt aus den Wolken. Ich kann dem Bike kaum folgen, so reißen die göttlich kräftigen Typen oben an!

GATE to Hell: Wer hier ohne fremde Hilfe raufkommt kann fliegen!
Foto: ORF1

Jetzt bin ich alleine. 15 Uhr 55. Keiner mehr zu sehen. Ein blaues Schild, "Reitwagen" steht drauf, weist nach oben. "In fünf Minuten kann einiges passieren, laß uns angasen!, meldet sich das Kleinhirn". "Du wolltest doch heil unten ankommen und mit dem Radl nach Hause fahren", wimmert der Verstand.

"Schnauze, Verstand, Kleinhirn an Gashand: Aufreißen!"

Und hoch, Endstation hinter einem kapitalen Felsblock im Kinderwagen- Format. Sehe plötzlich etwas Blaues neben mir im Geröllfeld liegen: "Soweit bin ich auch gekommen", scherzt der Yamaha -Pilot. 16:00 Uhr, geordneter Rückzug über scharfkantige Felsbrocken: Häßliche, kreischende Proteste von Rahmen und Auspuffbirne.

15 Minuten später: Endlich wieder auf der Strasse. Ein paar kernige Drifts als Abschluß eines spannenden Tages. Als Souvenir ein blaues Reitwagen-Schild im Gepäck.

Erzberg, wir kommen wieder!

Autor: Albert Pucher
Dieser Artikel ist in einer der 2002 Ausgaben des Reitwagen erschienen (die Ausgabe liegt uns leider nicht vor).

Erzberg 2002

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enduroabenteuer Ausgabe 4 - 2004
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