Telefonika Dakar 2003...
was gehört eigentlich dazu?
Ein Gespräch mit Heinz Kinigadner zur KTM Teilnahme an der härtesten Rallye der Welt der Dakar.
Heinz Kinigadner (KTM)

Foto: Peuker
AB: Wie bereiten sich die Fahrer auf eine Rallye wie die Dakar vor?
KINI: Um für die Dakar fit zu sein musst Du nicht nur fahren können sondern körperlich und geistig extrem gut vorbereitet an den Start gehen. Auf drei Bereiche solltest Du achten:
Wenn du bis zu 3 Wochen jeden Tag nicht richtig essen kannst und doch deinen Körper aufs härteste belastest dann braucht es genaue Vorbereitung das du so wenig Energie wie möglich verbrauchst. Die Nahrung die du zu dir nimmst sollte also genauestens mit den anderen Elementen abgestimmt sein.
Dein Körper wird in der Wüste extrem belastet ein konsequentes Fitnessprogramm ist also Pflicht. Der Teil bei dem sich Rallye Raid von anderen Sportarten unterscheidet ist die Psychische Belastung.
Für mich war diese Beanspruchung der Grund aufzuhören: Ich war einfach überfordert von dem ultraschnellen Ablauf. Wenn Du mit 130 über eine Sandige Piste knallst dann ist das Ganze schon recht kompliziert. Mit einem Auge hältst du die Piste direkt vor dir im Auge damit du Steine und Schlaglöcher rechtzeitig erkennst. Mit dem anderen Auge schaust du weiter nach vorn um den Verlauf der Piste zu sehen. Gleichzeitig musst du Roadbook, GPS und Tripmaster im Auge behalten, vieles muss also einfach automatisch aus dem Unterbewusstsein kommen.
Eine Analogie wäre das Spielen am Computer. Es ist ja bekannt das jemand der ohne Übung an ein komplexes, schnelles Spiel gerät allein deswegen keine Chance gegen einen geübten Spieler hat weil der Andere seine Reflexe soweit trainiert hat das er oftmals vollkommen automatisch also aus dem Unterbewusstsein reagiert.
Weil du ohne die Übung keine Chance hast sagen wir dass jeder Fahrer pro Jahr mindestens 3 Rallye Raids fahren sollte damit er auf der Dakar siegfähig ist. Wir bei KTM gehen nur bei der wichtigsten Veranstaltung, der Dakar, mit 9 Fahrern an den Start. Ansonsten sorgen wir dafür dass die Fahrer 1 bis 2 Veranstaltungen mit uns fahren können damit sie vorbereitet für die Dakar an den Start gehen. Der Kampf unter den Fahrern für diese Startplätze bei den Veranstaltungen im FIM Kalender ist also groß. Fahrer wie Alfie Cox, Richard Sainct oder Cyril Despres fahren im Wettbewerb um die Weltmeisterschaft für private Sponsoren. Grundsätzlich sorgen wir dann auch in diesen Fällen dafür dass diese Fahrer das richtige Material und gegebenenfalls auch Betreuung erhalten um gewinnen zu können.
AB: Wenn wir schon über das Material sprechen: Wir wurden in Leserbriefen darauf angesprochen das die von KTM publizierten technischen Daten der diesjährigen Rallye 660 wohl nicht den Maschinen
entsprechen die tatsächlich an den Start gehen. Was sagen Sie dazu?
Carlo De Gavardo & Alfie Cox in Formation
Foto: Peuker
KINI: Also eigentlich sind die Rallye Replikas Sieg fähig. Das größte Problem das auf einen Fahrer zukommt ist der Service. Bei den Werksmaschinen sind wir schon vor einiger Zeit von den 710 ccm auf 660 ccm zurückgegangen. Der Motor läuft einfach runder und vor allem problemloser!
Der größte Unterschied zu einer Rallye Replica ist wohl das Fahrwerk das jeder Fahrer gemeinsam mit White Power auf seine spezifischen Bedürfnisse perfekt abstimmt. Aber der Service ist wirklich das A & O. Wir fahren mit 6 LKW (1 LKW für KTM Privatfahrer) und 6 PKW um die logistische und technische Unterstützung der Fahrer zu gewährleisten. Das schaffst du als Privatfahrer einfach nicht!
AB: Können die Fahrer in diesem Umfeld überhaupt Ihre Nachtruhe finden?
KINI: Was den nächtlichen Lärm angeht so hast du nach ein paar Tagen ein Problem wenn die Generatoren ruhig werden. Du gewöhnst dich an den Lärm. Der Zeitliche Ablauf ist eher belastend. Bis du abends dein Roadbook bekommst um dich dann auf die Strecke des nächsten Tages vorzubereiten ist es 8 oder 9 Uhr. Bis du es dann durchgearbeitet hast, Dich noch über die „last minute“ Änderungen der Orga. ärgerst ist es oft Mitternacht. Wenn du dich dann hinlegen kannst stört dich eigentlich nichts mehr!
AB: Warum fahren die Fahrer immer wieder? Warum sind Sie gefahren?
Marc Coma auf einer KTM Rallye 950
Foto: Peuker
KINI: Warum steigen die Leute auf die Berge?
Für einen Motorradfahrer ist es das größte Abenteuer das es gibt!
Sehr gut abgesichert noch dazu. Wenn man bedenkt in was für Ländern wir da unterwegs sind. Viele unsichere Gebiete wo man allein oft tagelang bräuchte das man da raus kommt, das hab ich ja alles ausprobiert.
Dakar, wenn man einmal dabei war … hat etwas Magisches!!!! Das ist ein Virus, den kriegst Du nicht mehr aus dem Blut!
AB: Fahren die Support Fahrzeuge in Wertung?
KINI: Teilweise in Wertung, die hälfte der LKWs fahren in Wertung, die anderen nicht. Die PKWs fahren heuer nicht in Wertung weil es in der Regel auf den alternativen Pisten schneller und vor allem weniger gefährlich geht.
AB: Die Aufgaben eines Teammanagers?
In unserem Fall marginal … es ist so das wir mit Hans Trunkenpolz, der eigentlich der Leiter der ganzen KTM Organisation ist, einen tollen Manager dabei haben. Man muss nicht mehr viel machen.
Dieser Job Beschränkt sich auf die last minute Änderungen der TSO. Da musst du also Themen wie: Reglement, Roadbooks und wenn es eine Änderung gibt, die bestimmte Fahrer benachteiligt, musst du versuchen das Beste für deine Team Strategie raus zu holen.
Bei den großen Teams, insbesondere KTM gibt es da keine wirkliche Taktik. Für KTM ist es so gut wie sicher das eine KTM gewinnen wird. Sollte das eine Privatmaschine sein ist es eigentlich umso besser für KTM, wenn auch blamabel für den Fahrer. In diesem Fall ist es für jedermann ersichtlich das unsere Motorräder ab Werk siegfähig geliefert werden.
Bei den kleineren Teams wie wir sie ja um unsere Sponsoren gebildet haben gibt es Taktik. Zu schauen das etwaige Benachteiligungen nicht deine Fahrer treffen bzw. das Beste für das Team dabei raus zu holen.
Alles in allem ist der Team-Manager dafür da, das sich die Fahrer ums fahren kümmern können und die Mechaniker zuverlässig von A nach B kommen. Wenn der Mechaniker durchdreht, oder wenn ein Auto mit Mechanikern ausfällt, dann fängt der Team-Manager an zu schwitzen …
AB: Ein riesen Aufwand für einen Sport, der in Deutschland zumindest, untergeht! Lohnt sich das?
Sainct & Cox in Formation
Foto: Peuker
KINI: Wir sehen einen enormen Mehrwert durch unser Engagement. Obwohl der Sport in Deutschland nicht so populär ist wie wir es gerne sehen würden weiß doch irgendwie jedes Kind was die Dakar ist und wie ein Dakar Motorrad aussieht! Den Menschen die sich für ein solches Motorrad interessieren zeigen wir durch unser Dakar Engagement wie gut die Dinger wirklich sind.
Ich habe auch gerade in einer französischen Publikation gelesen dass dies die letzte Dakar mit KTM Werksengagement wäre. An dieser Stelle möchte ich nochmals klarstellen das KTM auch weiterhin die Dakar fahren wird. Kein Fahrer muss befürchten dass er vor die Tür gesetzt wird. Im Gegenteil wir haben ja gerade neue 2 Jahresverträge abgeschlossen. Wir sind vielleicht nicht unbedingt auf der Suche nach weiteren Werksfahrern, unsere Armada ist groß genug.
Marketing-technisch ist die Dakar nun mal sehr wichtig für uns, wir können uns gar nicht leisten dort nicht mehr aufzutreten! Im Übrigen muss ich in Mattighofen unser Engagement nicht verteidigen, nur in der Presse!
AB: Warum, denken Sie hat der Sport ein Problem bei uns?
KINI: Das ist eine schwierige Frage, ich denke es liegt daran das die Südländer, also Franzosen, Italiener und Spanier wesentlich improvisationsfreudiger und abenteuerlustiger sind als wir im deutschsprachigen Raum.
AB: Wie denken Sie über die Praktik der TSO auf der Dakar einige Kontrollpunkte zu verstecken? Worauf sollte bei einer Rallye der Schwerpunkt liegen: Navigation oder Sicherheit? Wohin sollte die Zukunft gehen?
KINI: Ein Rallye Raid ist ja eigentlich eine Veranstaltung bei der es um Navigation geht. Da ich ja nicht mehr fahre kann ich ganz offen sagen dass ich schon gerne mehr und größere Navigatorische Herausforderungen sehen würde. Ich selbst war nie ein guter Navigator, ich habe die aufgeführten GPS Punkte geliebt.
Natürlich geht man bei der FIM den Weg der maximalen Sicherheit durch offen dargelegte Kontrollpunkte. Ein Mittelweg mit einigen versteckten Kontrollpunkten würde den navigatorischen Aspekt wieder in den Sport bringen und wäre nebenbei auch für die Fans spannender.
Bei der Dakar hat man ja schon diesen Weg eingeschlagen. Um die Sicherheit der Teilnehmer auch weiterhin zu gewährleisten können auf GPS-freien Etappen die Geräte nur als Kompass verwendet werden. Nur wenn der Fahrer in Not gerät darf er mit Hilfe eines Codes die Route Freischalten um dann im Ziel eine entsprechende Strafzeit von mehreren Stunden zu kassieren.
AB: Vielen Dank das Sie sich die Zeit genommen haben Herr Kinigadner
Text: ES
Fotos: Peuker

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