Champagnerdusche für Richard Sainct nach seinem 3. Sieg auf der Dakar 2003
Foto: Gauloises Racing

Die an die Grenzen gehen

Was ist der 'Geist der Dakar?

Für viele gibt es ihn nicht mehr, nur noch KTMs am Start, material- und menschenmordender Wahnsinn sondergleichen?

Warum tun es soviele Privatfahrer?
Warum tun es die Werksfahrer?
Warum tun es die Herstelller?

Alle tun es aus demselben Grund: sie wollen ihre Grenzen ausloten.

Hersteller tun es vielleicht gemäß KTMs Motto « mobiles Institut für zerstörende Werkstoffprüfung ». Um die Verkaufszahlen zu steigern?! KTM ist es gelungen, zur Verwirklichung des Traums vieler Motorradfahrer ein Werkzeug zu bauen, das sich fast jeder wirklich Interessierte kaufen kann.

Sehe ich mir den Verlauf des Engagements der Hersteller bei der Dakar an, stelle ich fest:
Thierry Sabine hatte eine geniale Idee, die gar nichts neues darstellte, er vermochte sie im Gegensatz zu René Metge medienwirksamer zu platzieren. Zufälligerweise fiel der Zeitpunkt mit der Erfindung der Enduro, der XT, ziemlich genau zusammen.Er selbst hat auf der Rally Abijan-Nizza 1977 ein Exemplar diese Gattung in der Tenere liegen lassen, wurde von Veranstalter Metge glücklicherweise per Hubschrauber gefunden und rausgeholt.

Es hätte auch passieren können, dass die Rally Paris-Dakar niemals ins Leben gerufen worden wäre. Und Thierrys Wunsch, in der Wüste beerdigt zu werden, ging viel zu früh in Erfüllung. Vielleicht ist es sein Geist, der – unfassbar – uns in unseren Tag- und Nachtträumen besucht und uns die Faszination des Grenzgangs stetig in Erinnerung behält.

Die 7. Etappe - Dakar 2003
Foto: Gauloises Racing

Thierry Sabines Ziel war es nicht, Herstellern eine Plattform zur Steigerung von Verkaufszahlen zu schaffen. Deren über die Jahre wachsendes Engagement war im Gegenteil ihm das Werkzeug, seinen Traum, Gleichgesinnten eine Zusammenkunft zu ermöglichen, zu verwirklichen. Die Hersteller haben ihren Nutzen gezogen und sind aus dem Geschehen wieder verschwunden.

Nur KTM macht weiter, ich vermute, weil die Leute in Mattighofen selbst noch Träume haben und diese micht aufgeben. Und weil die Leute, die ihre Motorrräder kaufen, die Hoffnung haben, auf diesen Geräten ihren eigegnen Träumen näher zu kommen.

Ich finde es überhaupt nicht schade, dass sich nur noch ein einziger Hersteller bei dieser Art von Veranstaltungen engagiert.

Dadurch rücken wieder die Menschen in den Vordergrund, dadurch zeigt sich, dass wir alle menschliche Wesen sind; selbst ein Überflieger wie Meoni zeigt ein Höchstmaß an Anstand, als er nach seinem Sturz auf der 14. Etappe, obwohl er Hilfe gebrauchen könnte, Brucy einfach weiter schickt, damit der beim Versuch der Verwirklichung seines eigenen Traumes nicht aufgehalten wird. Und ein Introvertierter wie Sainct, der übrigens aus St. Afrique(F) kommt, kann, wenn auch nur im Hintergrund und nicht bei direkt auf ihn gerichteter Kamera, seine Freude zeigen.

Die Hersteller, die verkaufen wollten, haben sich von diesen Rallies zurückgezogen, der Hersteller, der unsere Träume ernst nimmt, ist zum « Dominator » geworden – er allein sollte diesen Namen auf seine Produkte schreiben dürfen. Es gibt kaum Alternativen. Schließlich ist der Aufwand für eine Teilnahme an sich schon groß genug, wozu sollte man sich noch mit Spezialumbauten herumschlagen müssen? Wem das Spass macht, dem sei das unbenommen. Ich finde KTMs Philosophie respektabel und das hat nichts mit « oranger Brille » zu tun!

Cyril Despres (Etappe 6, Dakar 2003)
Foto: Gauloises Racing

Wir träumen alle vom grenzenlosen Offroaden, wir möchten uns die Erde, die Wüste untertan machen, wir möchten die Maschine beherrschen, wir fühlen uns in unserem eurpäischen Alltag eingeengt, wir wollen uns selbst intensiv erleben – dazu brauchen wir solche Extremerlebnisse. Jeder auf seine Weise: die Teilnehmer auf Quads, in monströsen Trucks, in optisch zweifelhaften Wolfsburger Ausgeburten, und sogar auf 125ern. Die andere Seite in Flugzeugen, Hubschraubern oder Begleitfahrzeugen.

Meoni schickt Brucy weiter, weil er sich dessen bewusst ist, dass niemand einen Anspruch auf irgendwas hat! Der Name Meoni bedeutet nicht automatisch, dass andere ihm zu Diensten sein müssen. Und die « Top »-Fahrer sind vor Fehlern genausowenig gefeit wie die « Privaten »: Roma ist wieder ausgefallen, Cox ist raus, Schlesser ist raus...

Leider erfahren wir von den vielen Privatfahrern zu wenig. Denen wären die Organisatoren wirklich was schuldig! Es ist auch uns kaum möglich, an Informationen über sie zu kommen. Was, wenn die alle sagen würden: da mach ich nicht mehr mit?! Würden die verbleibenden 20 Leute die Rally trotzdem austragen? In Deutschland würde man das kaum merken, weil hier sowieso zu wenig über die Rally berichtet wird. Es ist aber tröstlich zu sehen, dass die, die täglich im Fernsehen zu sehen sind, genauso menschliche Regungen zeigen, wie wir alle.

Und es zeigt, dass sich Beständigkeit durchsetzt, im Inkaufnehmen unzähliger Mühen im Vorfeld und der Strapazen des Rennens selbst: fünf der zehn Bestplatzierten sind Privatfahrer! De Azevedo, Lundmark, Ullevalseter, Dabrowski, Flick! Sie fahren konstant an der Spitze mit und kommen damit Schritt für Schritt der Verwirklichung ihrer Träume näher.

Die 7. Etappe
Foto: Gauloises Racing

Es zeigt sich, dass man keinen Anpsruch auf Unzerstörbarkeit der Technik haben kann. Hinter diesem Anspruch steckt vielleicht der Wunsch, etwas zu erschaffen, das besser ist, perfekter, als wir es selbst sind. Wie kann aber etwas perfekt sein, wenn es den Händen Unvollkommner entspringt?!

Es geht also nicht um Verkaufszahlen. Die Dakar ist nur der sichtbare Teil des Eisberges, genauso, wie es die « Favoriten » sind. Der Eisberg zeigt uns, dass alle aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, dass Stücke abbrechen und ins Meer stürzen, dass die Sonne einiges wegschmilzt...

Masuoka lässt sich vor zwei Jahren von Schlesser provozieren und reisst sich ein Rad ab. Er hätte damals die Dakar schon gewinnen können, hat den Sieg an Kleinschmidt vergeigt. Hat er daraus gelernt? Ich sage: Ja! Auf der vorletzten Etappe 2003 fährt er auf Sicherheit und NICHT auf Angriff. Die Unbeherrschtheit Peterhansels, der sich bei einem gewagten Überholmanöver ein Rad abreisst, schenkt ihm den Sieg. Vielleicht war auch der Einfluss des Beifahrers Schulz ausschlaggebend. Obwohl Peterhansel es nach sechs Siegen auf dem Motorrad wissen sollte. Fazit: er hat nicht gelernt.

Und: Geld ist nicht die Lösung aller Probleme. Edi Orioli, der finanziell nie von Erfolgen im Renngeschäft abhängig war, hat im Auto diesmal ständig Probleme. Ari Vatanen kehrt nach jahrelanger Abstinenz und politischen Zwängen des Europaabgeornetendaseins zurück und scheint mehr denn je entfesselt. Befreit von allen Zwängen, ohne Erwartungshaltung auf Platzierungen, fährt er nur aus Spass, trumpft auf wie ein ungebändigt improvisierender Jazzmusiker.

Meoni gibt Gas (8. Etappe - Dakar 2003)
Foto: Gauloises Racing

Norman Kronseder wird von Jutta Kleinschmidt auf der vorletzten Etappe abgeschossen! Sie will ihm die Startgebühr für die Dakar nächstes Jahr zahlen (Eurosport). Wird die versprochene Wiedergutmachung es aufwiegen können, dass er es in diesem Jahr vielleicht ganz aus eigener Kraft ins Ziel geschafft hätte? Sollte sie als Ausgleich Kronseder nicht vielleicht sämtliche Kosten der Vorbereitung, Ausrüstung, Service und Teilnahme bis inklusive zur vorletzten Etappe der kommenden Dakar bezahlen müssen?

Andererseits kann man auch sagen, dass sie gar nichts zahlen muss, sie ist zu nichts verpflichtet, das sind eben die Risiken einer Rally: du musst es gar nicht selbst sein, der Fehler begeht, es kann einfach ein anderer kommen und dir - im Extremfall – das Licht auspusten.

Und das ist meiner Meinung nach das Essentielle dieser Art von Betätigung:
Das Geschehen ist nicht wie unser Alltagsleben überreguliert, es steckt noch sehr viel Anarchie, Zufall und Desorganisation in einem solchen Rennen. Alle unterwerfen sich zwar den geschriebenen, aber auch vielen ungeschriebenen Gesetzen. Die meisten halten Fairness hoch, einige zeigen hier erst ihr wahres Gesicht. Man darf dem Gesetz des Stärkeren frönen, der Eine ist Einzelkämpfer und zeigt so seine besten Leistungen, andere sind Mannschaftsspieler, andere wiederum Herdentiere oder auch nur Mitläufer.

Aber alle folgen ihrem Traum!

Und darum geht es: in Extremsituationen wie diesen kommen alle sich selbst und ihrem Traum näher - deswegen lohnt es sich, all diese Mühen und Strapazen auf sich zu nehmen.

Die Hilfeleistung Meonis für Roma auf der neunten Etappe scheint ein Vorzeichen dafür zu werden, dass er die Rally nicht gewinnen wird. Aber die Menschlichkeit hat hier gesiegt – und darauf kommt es an;

Die 7. Etappe
Foto: Gauloises Racing

daran wird sich Meoni in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr aber dafür Roma erinnern.

Nicht zu siegen, bedeutet noch lange nicht, dass man verliert.

Und der Sieg von Sainct zeigt, dass Konsequenz und die richtige Wahl der Mittel der richtige Weg sind.

Was macht Erfolg aus?
Zwei Worte:
Richtige Entscheidungen.

Wodurch trifft man richtige Entscheidungen?
Ein Wort:
Erfahrung.

Wodurch erlangt man Erfahrung?
Zwei Worte:
Falsche Entschheidungen.

Kommentar von Robert Beckert

Die an Grenzen ...

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