Verkannte Helden               Max

Der Wüstensand flimmert in der Hitze der untergehenden Sonne. Der Kaffee spült den Staub des Tages aus meiner Kehle und erweckt die müden Lebensgeister zum Leben. Erhaben steht meine Dicke auf dem Seitenständer und schaut aus ihren runden Scheinwerfern gelassen in die Richtung einer mächtigen Düne, die wir am nächsten Morgen in Angriff nehmen werden.

Während ich mein Zelt aufbaue, pfeift ein Vogel sein eigentümliches Lied-chen in die einsame Landschaft. Vor meinem geistigen Augen lasse ich den Tag Revue passieren. Zuerst war ich in der Wüstenebene mit einem Höllentempo unterwegs und hatte mit einem breiten Grinsen im Gesicht einige BMW-Fahrer in einer riesigen Staubwolke hinter mir gelassen. Mann, die müssen vielleicht geflucht haben! Nun genieße ich die Einsamkeit, nur der Vogel läßt ab und zu seinen schrillen Ruf erklingen. Also, so langsam nervt es. Was sucht der hier eigentlich?!

Verdammt nochmal! ... meine Faust kracht auf den Wecker – 6:50 Uhr!

Jetzt aber schnell! Um 7:30 stehe ich neben meinem völlig zugefrorenen Auto und kratze das Eis von der Windschutzscheibe. Die Nacht muß höllisch kalt gewesen sein, so eine glatte Eisschicht habe ich ja noch nie erlebt! Egal, erstmal Motor anmachen und die Lüftung aufdrehen. Es ist wie verhext, das Schloß ist so vereist, daß nicht mal der Schlüssel reingeht. Gegenüber taucht ein Nachbar auf und schlendert zu seinem Cabrio. Naja, wenigstens ein Leidensgenosse, mit dem man über die Widrigkeiten des Lebens schimpfen kann! 5 Sekunden später höre ich einen Motor und der Typ fährt einfach weg. Grmpf! Die Zeit drängt! Kopflos laufe ich um den Wagen und bohre mit dem Schlüssel in den Schlössern rum. Die Beifahrertür läßt sich schließlich entriegeln, aber die Dichtung ist völlig eingefroren, da reißt ja eher der Griff ab! Es reicht! Schnell laufe ich ins Haus. Wenn man schon keinen Türenteiser hat, muß man wenigstens erfindungsreich sein. Nach 3 Minuten hat die Mikrowelle eine Ladung Wasser zum Kochen gebracht, schnell in die Wärmflasche und an die Tür gedrückt. Ein bischen albern sieht es ja schon aus, während ich schon darüber nachdenke, wie ich eine Stromversorgung für den Fön legen kann. Nicht nötig, die Tür geht auf. Der Motor springt grummelnd an, ich reiße die Lüftung auf. Aber es ist zum verrückt werden, die Scheibe ist von innen vereist! Die Kreditkarte muß herhalten. Ich schabe mir den Frust von der Seele, die Flocken tanzen in meinem Auto umher. "Die Nässe muß raus!", denke ich mir und hole ein altes Handtuch.

Endlich kann ich losfahren, 7:58 Uhr – die Katastrophe ist nicht mehr abzuwenden: Ich werde zu spät kommen! Was solls, jetzt nur ja keine wilden Aktionen! Vorsichtig lenke ich mein Auto durch die Nebenstraßen und friere mir fast die Finger am Lenkrad an. So ein Wahnsinn, bei diesem Wetter sollte man wirklich zu Hause bleiben. "Ich fahre ins Büro, ich lasse mich doch als Fahrer eines Rallyemotorrades nicht von diesem Scheißwetter verarschen!" beschließe ich grimmig. Ja, so müssen sich die Helden gefühlt haben, die allen Widrigkeiten mit Ihrer seligen XT 500 getrotzt haben.

Vergangene Zeiten, das Leben schreibt andere Geschichten. Ich forciere das Tempo auf 25 km/h und vernehme ein schnarrendes Geräusch links neben mir. "Oh nein, hoffentlich macht die Karre nicht schlapp!", denke ich noch, während der Rollerfahrer schlingernd an mir vorbei fährt und wie zum Hohn sein Zweitaktwölkchen aus dem Spaghettiauspüffchen bläst. "Was zum Teufel ..."! Beherzt nehme ich eine Linkskurve mit der heldenhaften Geschwindigkeit von 30 km/h, als die Beifahrertür aufspringt. Verflixt und zugenäht, ich hatte sie ja entriegelt und daran herumgezerrt. In letzter Sekunde kann ich sie zuziehen, bevor sie an dem Pfosten eines Straßenschildes hängen bleibt.

An der nächsten Ampel treffe ich den Rollerfahrer wieder. Argwöhnisch schaue ich zur Seite. Jeanshose, einfache Winterjacke und Halbschuhe. An der nächsten Kreuzung kommt uns ein zweiter Roller entgegen. "Oh nein, jetzt passiert es!" denke ich. Mein Rollerfahrer wird die Hand zum Gruß erheben und sich furchtbar auf die Klappe legen. Schnell repakituliere ich die wichtisten Erste-Hilfe-Maßnahmen, doch nichts passiert. Die Rollerfahrer fahren einfach aneinander vorbei, nicht einmal die Helme nicken zum Gruß. In der City, mein Rollerfahrer ist längst im Rückspiegel verschwunden, treffe ich auf weitere Vertreter der mißachteten Zunft. Hier, wo die Straßenmeisterei ganze Arbeit geleistet hat, schwirren sie trotz Eiseskälte wie Hummeln umher.

Ich fühle mich beschämt und erinnere mich an einige Situationen, wo ich Rollerfahrer überholt hatte, ohne sie auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Mann, was haben wir über einen Freund gelästert, der versehentlich einen Rollerfahrer gegrüßt hatte! Diese Weicheier mit ihren Kaffeemaschinen – wochenlang litt er unter unserem Spott.

Ich werde nachdenklich. Es ist schon irgendwie komisch, daß wir unsere Globetrottermaschinen über den Winter einmotten und die Belächelten, Geschmähten und Ignorierten fahren bei jedem Wetter, ohne auch nur das Wort zu erheben.

Vielleicht kommt es gar nicht auf das Fahrzeug, sondern auf den Fahrer an. Vielleicht sind Roller langsam, aber gerade das verlangt doch dem Fahrer viel mehr ab, als der schnelle Dreh am 60-PS-Motorrad. Vielleicht werde ich verspottet, aber ich nehme mir fest vor, ab sofort auch die Rollerfahrer zu grüßen, naja, mir wenigstens einem wohlwollenden Blick abzuringen.

Vielleicht sind sie verkannte Helden?
 

[Max]

Sie sind hier:

enduroabenteuer Ausgabe 4 - 2004
TITEL-mt-02-2005-120breit
Verkannte Helden

Anzeige:

 

© AdventureBike - selectCOM - E.S. - 2001 - 2004

Anzeige:

Das aktuelle Heft:

Anzeige:

BANNER-150breit

Seit September 2005 haben wir leider die Weiterentwicklung von AdventureBike eingestellt. Der Grund für diese Entscheidung liegt im chronischen Zeitmangel.

Für das Interesse, Vertrauen und unermüdliche aufrufen unserer Seiten möchten wir uns bei Ihnen unseren Lesern bedanken. Es freut uns an dieser Stelle verkünden zu können das über
1.000.000 Besucher sich die Zeit genommen haben hier vorbeizuschauen.

Bis auf weiteres wird AdventureBike von der Firma selectCOM weiter Betrieben, jecoch nicht weiterentwickelt.

Gruß

Ernst Südmeyer

 

WEB Design by: selectCOM

www.selectcom.de