Dosenfahrer im Ausnahmezustand
Es ist nicht zu fassen, Ausnahmezustand in Deutschland - und ich mittendrin!
Nichtsahnend verließ ich heute gegen 17:04 Uhr mein Büro und trat in die klirrende Kälte des Abends hinaus. Ohne zu zögern machte ich mich bereit, um die letzte Fahrt vor der unendlich lang erscheinenden Winterpause anzutreten.
Dumpf grollte der Motor, nachdem ich ihn mit einer lässigen Handbewegung zum Leben erweckt hatte. (Einfach toll, so ein Choke!) Sanft drehte ich am Gashahn, um das sich vor
Kälte schüttelnden Triebwerk nicht unnötig zu malträtieren und steuerte zur Schranke, die mich dann in den öffentlichen Straßenverkehr entließ. Mein Weg führte über den schwarz schimmernden Kanal an eine Ampelkreuzung, die ich überquerte,
um dann später in die Kugelfangtrift einzubiegen.
Urplötzlich war ich nicht mehr allein, denn von überall her kamen Autos auf mich zu. Mit grellen Scheinwerfern versuchten sie mich zu blenden, um sich vor mir in die Fahrspur zu
drängen. Am Ende der Straße gelangte ich an eine pulsierende Verkehrsader, die scheinbar der Mittelpunkt des Chaos zu sein schien. Eine unglaubliche Masse an Personenkraftwagen schob sich zäh voran. Nur mit Mühe konnte ich mich einreihen,
ohne die metallene Außenhaut meiner Alukoffer an den mattschimmernden Lackflächen der mich umgebenden Dosen zu zerkratzen. Der Druck wurde immer stärker und verdichtete sich an einer Stelle des Stroms. Durch meine zu Sehschlitzen verengten
Augen erspähte ich ein mit Neonlicht erhelltes Schild, auf dem die Buchstaben B, r, i, n, k, m, a, n und n zu entziffern waren. Meine Lippen formten den Namen "Brinkmann" und in meinem Hirn begann es zu arbeiten. Irgendwo hatte
ich doch diesen Namen schon gehört ...
Wie ein Blitz schoß die Erkenntnis durch meinen Kopf, so daß ich beinahe den Lenker herumgerissen und den neben mir fahrenden Koloß von einem uralten Opel Senator gerammt hätte: RÄUMUNGSVERKAUF!
Entschlossen riß ich, diesmal kontrolliert, am Lenker und bewegte meine Dicke scheinbar spielerisch mit einigen Gasstößen auf einen großen Parkplatz zu, auf dem es nur so von
wie entfesselt fahrenden Familienvätern und allerlei anderen Randgruppen der Bevölkerung wimmelte. Durch die Wahl des ersten Getriebeganges hatte ich einen Vorteil gegenüber einer koreanischen Dose, die kaum breiter war als meine Twin mit
Koffern. Schwungvoll versenkte ich die Fuhre vor ihm in der einzigen freien Parklücke weit und breit. Entschlossen warf ich mich in die Menge und betrat eine große Halle, die mit wild gestikulierenden und miteinander kämpfenden Menschen
angefüllt war. Angeheizt von provokanten Schild-Mitteilungen, wie etwa "Staunen: 40% Rabatt wegen Insolvenz" kämpften rechts von mir eine Oma und ein alter Mann, der augenscheinlich körperlich unterlegen war, erbittert um eine
Zitronenpresse. Das Ergebnis des Kampfes geriet außer Sichtweite, da ich von hinten einen Stoß bekam und unvermittelt vor einem Stapel Videokassetten landete. Intuitiv griff ich 3 Kassetten heraus, bevor mich die Wucht der nachdrängenden
Menschenmassen zur Rolltreppe schob. Unerbittlich behauptete ich mich gegen einige Halbstarke, bevor ich im Obergeschoß des Bauwerks kurz zum Stehen kam. Da die Masse zu Regalen drängte, in denen wohl Audio-CD´s feilgeboten wurden, wich
ich trotz der schweren Moppedstiefel geschmeidig nach rechts aus, um mir ein wenig Luft zu verschaffen und so den durch die Wahl der Bekleidung verursachten Hitzeschlag abzuwenden.
Enorme Reize strömten auf mich ein, Rabatte, Nachlässe
und Sonderpreise versuchten, meine Konzentration zu erhaschen. Unter größter Anstrengung arbeitete ich mich zu einem Tresen vor, an dem ein kahlköpfiger Mann 127 Kunden gleichzeitig bediente. Trotzdem sprach ich ihn an, dann fiel er wohl
in Ohnmacht - jedenfalls verschwand er augenblicklich im Nichts. Unerschrocken griff ich in eine Kiste hinein, in der Microsoft-Produkte auf ihren Abtransport gegen reduziertes Entgeld warteten und ließ mich gekonnt von einem Gegenstrom
zum Westflügel treiben, wo ich an einem Notebook, welches dort scheinbar unbeachtet dem Kaufrausch der Menschen entgangen war, die ergatterte Maus testete.
Nachdem ich mit Genugtuung festgestellt hatte, daß die Maus funktioniert, warf ich mich erneut in die Menge und kämpfte mich geschützt durch die Protektoren meiner Jacke (dafür sind die also!) mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht zur Rolltreppe vor - um sie diesesmal in der anderen Richtung zu befahren. Auf dem Weg griff ich reflexartig nach einem seltsamen Quader, der nur 9,99 DM kosten sollte. Schon war die Fahrt zuende, eingepfercht befand ich mich nun vor der Kasse - der einzige Ausweg aus dem Getümmel.
Auf dem Parkplatz angekommen, untersuchte ich verstohlen den Quader und stellte erleichtert fest, daß es sich um CD Rohlinge handelte, welche ich ganz gut gebrauchen konnte. Rasch gab ich die Parklücke frei, um anderen Schnäppchenjägern Platz zu machen und trat die Heimreise an.
Was für ein Abenteuer!
Gruß,
[Max]
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